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Von Zimtsternen und Dankbarkeit

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Irgendein Einkaufsladen, Ende September 2020. Ich eile durch die Gänge. Hastig blicke ich durch die Regale auf der Suche nach günstigen Alternativen zu teuren Mahlzeiten. Ich entscheide mich – weil mir auch nach Süßem ist – für Zopf. Oder waren es Milchbrötchen? Ich weiß es nicht mehr genau. In jedem Fall dränge ich in Richtung Kasse und bleibe, weil im Augenwinkel etwas meine Aufmerksamkeit erhascht, unvermittelt stehen. Ich wende mich nach links. Hier türmt sich ein blau-rot-goldener Turm majestätisch in die Höhe. Seine Bausteine: allerlei Wunderbares aus der altbekannten Weihnachtsbäckerei. Lebkuchen, Christstollen und Plätzchen. Vor allem aber Zimtsterne.

Anders als in den sonstigen Jahren widerstehe ich dem reflexartigen Impuls, in einem inneren Streitgespräch der Menschheit eine äußerst wichtige Erkenntnis entgegenzuschmettern, die offensichtlich nur mir zuteil geworden ist. Dass es nämlich für die Auslage von Weihnachtsartikeln Ende September noch viel zu früh sei. Ich verzichte auch darauf, diese Erkenntnis wenigstens im engeren Freundeskreis zu teilen, auf dass einige ebenfalls erleuchtet würden. Keine SMS, kein WhatsApp-Status, kein Facebook-, Instagram- und Twitterbeitrag. Stattdessen fühle ich eine seltsame Freude beim Gedanken, mir diese Zimtsterne noch heute während der Erledigung studentischer Pflichten einzuverleiben  – vielleicht sogar bei einer Tasse Tee oder Kaffee. Ich glaube es fast selbst nicht aber offensichtlich bin ich gerade einfach dankbar für diese Zimtsterne, für die Weihnachtsauslage. Und das Ende September.

Normalerweise hat man ja, wenn der Herbst kommt, zumal als Deutscher, allen Grund schlecht gelaunt zu sein. Wegen der Wolken, der Kälte und Nässe und so. Da kommt einem die Weihnachtsauslage Ende September vielleicht auch ganz recht, um mal etwas Dampf abzulassen. Da in diesem Jahr mit all seinen besonderen Umständen, mit Virenflug und Regierungsmaßnahmen, die Herbststimmung bereits im Frühjahr ihre Geburtsurkunde erhielt, braucht es jetzt aber andere, außergewöhnliche Maßnahmen. Der Aufregung über das Virus und die Regierung, die im Endlosen des Internets und auf polizeibegrenzten Pfaden deutscher Straßen vielfach ausgedrückt wurde, ist mit einer Mehrproduktion aus der Weihnachtsbäckerei nicht beizukommen. Vielleicht hilft aber, es wäre radikal, aber möglicherweise im Rahmen des Möglichen: Dankbarkeit.

In der Bibel ermutigt zum Beispiel Paulus dazu, dankbar zu sein, und zwar nicht nur ab und zu, wenn es grade in den Kram passt, sondern immer und sogar ganz unabhängig davon, was auch kommen mag. Das ist nicht unbedingt leicht und muss vielleicht sogar trainiert werden. Aber letztendlich ist es eine sehr gute Alternative zur impulsiven Wut über alles, was gerade nicht so läuft, wie man sich das wünscht oder was einen sonst irgendwie herausfordert. Weihnachtsauslagen im September zum Beispiel. Das passt einfach nicht zu meiner Vorstellung von September. Aber gerade in diesem Jahr von Virenflug und Bürgerwut möchte ich im September dankbar Zimtsterne essen.

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