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Wer die Wahl hat

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Sonntag war ja das große Wahlspetakel. Aber eigentlich hat es schon viel früher angefangen, nämlich vor ein paar Wochen, als dieser große Umschlag in meinem Briefkasten landete, der mit hellgelben, grünen und rosa Zetteln gefüllt war. Eigentlich war es ja mehr ein Rose und harmonierte nicht mit den anderen beiden Farben. Ein frischeres Rosa, oder gar ein Orange hätten dem Ganzen eine frühlingshaftere Komponente verliehen.

Dem Umschlag folgten noch viele weitere Wurfsendungen, mit massig Bildern von Kandidaten und jeweils ein bis zwei Sätze, wofür sie stehen. Es war eine Flut von Kandidaten und ich hatte immerhin 72 Stimmen zu vergeben, plus eine fürs Europaparlament. 73!!!! 73 Entscheidungen, für Menschen, von denen ich nur wenige kenne. Liste über Liste. Wenn ich den letzten Namen unten gelesen hatte, hab ich schon wieder vergessen, wer oben stand. Die ersten zwei Tage las ich noch. Immer wieder. Aber es brachte mich nicht weiter.

Ignorieren war auch nicht möglich, hing doch direkt vor meinem Küchenfenster ein Wahlplakat. Meine Stimme war offensichtlich besonders wichtig, denn außer von mir und den Leuten, die vielleicht mal zufällig in meiner Küche standen, konnte das Plakat eigentlich kaum gesehen werden.

Wie konnte ich nur herausfinden, wer am ehesten meine Interessen vertrat? Wieso konnte ich nicht einfach alle Stimmen dem Kandidaten vermachen, von dem ich überzeugt war? Der durfte ja nur höchstens 3 bekommen. Aber die anderen Stimmen einfach verfallen lassen? Dafür kam ich mir, angesichts des eigens für mich aufgehängten Wahlplakats schon viel zu wichtig vor.

Auf den Listen standen ja immer noch Beruf und Adresse. Kurz überkam mich der Gedanke, jedem einzelnen einen persönlichen Besuch abzustatten, um mir ein besseres Bild machen zu können. Aber einige hundert Leute besuchen? Schon bevor ich darüber nachdachte, wie sich das zeitlich organisieren ließe, gab ich auf. Dann versuchte ich über die Berufe mögliche Ziele in die Kandidaten hinein zu interpretieren. Was immerhin meinen Kopf zum rauchen brachte. Mehr aber auch nicht.

Ich überlegte, die Stimmen parteienweise zu verteilen. Da entdeckte ich aber zum Entsetzen in der Partei, hinter der ich noch am ehesten stehe eine Person, die ich niemals wählen würde und war äußerst verwundert, sie in dieser Ecke zu finden. Was war, wenn noch andere Kandidaten in dieser Partei am Ende gar nicht so drauf waren, wie ich das einigermaßen erwarten würde. Was, wenn meine Stimme das Zünglein an der Waage wäre und wegen dieser Person eine ganze Region ins Unglück gestürzt würde? Möglicherweise mit nationalen, bis internationalen Folgen. Und ich würde zu Hause vor meinem Fernseher sitzen, die Katastrophe verfolgen und wissen, dass das nur geschehen konnte, weil ich mich nicht ausreichend über die Kandidaten informiert hatte. Die Tragweite der Verantwortung, Teil einer Demokratie zu sein wurde mir schlagartig bewußt. Vielleicht sollten wir Angie eine Krone aufsetzen und die Nummer mit den Wahlen lassen. Viel zu aufregend für mein Gemüt.

An zwei aufeinander folgenden Sonntagen rannte ich panisch mit meinen Wahlunterlagen zum Wahllokal, viel zu spät dran, nur um jeweils festzustellen, dass die Wahl am 3. Sonntag, der folgte, war. An diesem Sonntag setzte ich mich in aller Ruhe hin und machte meine Kreuze. Alle. Ich habe alle meine Stimmen vergeben. So gut wie es ein Bürger eines demokratischen Landes mit meinem Wissensstand eben konnte. Besonders zufrieden war ich aber nicht. Eigentlich war ich gar nicht zufrieden.

Ich betrat das Wahllokal, wies mich aus, nahm den grauen! !!!! – er war wirklich grau, mausgrau, der Zettel für die Europaparlamentswahl war grau –  das paßte zwar gut zu dem Rose, haute aber die farbliche Wahlharmonie vollends auseinander. Jedenfalls nahm ich diesen grauen Zettel und die Ton in Ton abgestimmten Umschläge für Orts- Kreis- und Gemeinderatswahl und verschwand in der Wahlkabine. Oh, es ist herrlich einfach, dass Europaparlament zu wählen. Die bieten nämlich nur Parteien an und sind mit einem einzigen Kreuz zufrieden. Möge das Grau verziehen sein.

Ich stopfte die anderen Listen in die dafür vorgesehenen Umschläge und schritt zur Urne, die von einem Wahlhelfer abgedeckt wurde. Daneben saß sein Kollege mit einer Liste. Ohne aufzublicken fragte er „Wieviel?“ „Alle vier!“ antwortete der Urnenabdecker. „Alle vier?“, fragte der Listenmensch erstaunt. „Ja, alle vier!“ Es wurde plötzlich still im Vorraum und alle Wahlhelfer sahen mich an. Ich nickte ihnen zu und setzte eine politsch informierte, bedeutsame Miene auf, die ich mit einem dezenten, staatsbürgerlich pflichtbewußtem Lächeln abrundete. Ich verließ das Wahllokal und all der Stress der letzten Wochen verließ mich. Deutschland kann stolz auf mich sein.

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