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Von Schubladen und Hormonen……..oder wie ich Geburtshilfe auf Londons Straßen leistete…

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Schon seit Wochen fieberte ich auf diesen Moment hin. Mein erster Flug um eine Patientin nach Deutschland zu holen.

Endlich war es soweit…..es sollte nach Cambridge gehen. Bisher hatte ich Rückholungen nur als Schreibtischtäter geplant…..mich jetzt selbst auf den Weg zu machen war in jeder Hinsicht etwas Besonderes.

Ich war aufgeregt wie ein Huhn, das sein erstes Ei legt. Damit ich unterwegs nicht verloren gehe und weil es medizinisch erforderlich war, sollte noch ein Arzt mitkommen. Mit Erfahrung, denn schließlich war ich ja absolutes Greenhorn. Er auch – wie sich dann herausstellte, einen anderen konnten wir nicht bekommen – was meine Aufregung ins Unerträgliche steigerte (also ich unerträglich für mein Umfeld).

Am Flughafen in Stuttgart sollten wir das erste Mal aufeinander treffen. Irgendwie war es wie in einem Film – nur das wir deutlich von gängigen Drehbüchern abwichen.

Wie ich da so am warten war, kamen mir die schlimmsten Befürchtungen…….er könnte ein absolut humorloser Vollpfosten sein…….oder planlos bis verunsichert, ich sah uns schon im falschen Flieger auf dem Weg nach Timbuktu…..

Meine Befürchtungen zerschlugen sich bereits als ich ihn von weitem sah – denn er erfüllte sämtliche männlichen Klischees (Schublade auf, Arzt rein). Es beruhigte mich ungemein, denn man sagt Männern ja einen guten Orientierungssinn nach. Während er souverän die letzten Meter zurücklegte analysierte ich seine Kindheit, wobei ich die bedeutendsten Jahre zwischen 12 und 15 ansiedelte.

Zwei Welten prallten aufeinander……allerdings mit der einen oder anderen Gemeinsamkeit….als da wären die große Klappe, eine sehr direkte Art und ein unverwechselbarer Humor.

Übrigens passte er perfekt in meine Schublade – ein absoluter Macher – der Macker von Mannem! Der Nachmittag war perfekt geplant….bevor wir nach Cambridge fahren, sollte ich auf jeden Fall London gesehen haben. Er hatte sogar die Verbindungen samt Abfahrtszeiten herausgesucht, sich Gedanken gemacht, wie man sich London in 3 Stunden reinzieht…….ich lehnte mich entspannt in meinen Sitz und träumte von London……..also hauptsächlich von Schuhen in London. Genauer von Schuhgeschäften……ich sah mich im Rausch des Schuhhormons durch Londons Straßen schweben…….von einem Schuhgeschäft zum anderen (es gibt das Schuhhormon, ich weiß es…auch wenn die Wissenschaft es noch nicht entdeckt hat……aber es ist da!). Innerlich kreischte ich schon verzückt beim Anblick meiner Traumschuhe – ich stellte mir vor wie ich sie anprobierte……sie würden perfekt passen und an der Kasse würde mir eine strahlende Verkäuferin mitteilen, dass sie um die Hälfte reduziert waren.

Ein unsanfte Landung riss mich aus meinen Träumen.

Wir wurstelten uns durch den Flughafen…litten gemeinsam wegen der immer noch andauernden Schmerzen und des Drucks im Ohr, bis wir dann in der U-Bahn saßen. Dort wurde uns übel, denn die U-Bahn schunkelte fürchterlich. Welch Vertrauen erweckendes Team. Den Stadtplan in der Hand machte er Vorschläge, wo wir denn nun überall hinkönnten – eine Entscheidung musste getroffen werden. Wegen meinem – zu Gunsten anderer Talente – ausgebauten Orientierungssinn überließ ich ihm komplett die Führung.

Als erstes rein in einen Souvenirshop um für mein Töchterchen ein paar schöne Dinge auszusuchen.

An dieser Stelle brachte er das erste Mal meine Schublade durcheinander, denn er beriet mich bei der Wahl eines Pullovers…..Farbe, Grösse, Stil usw. Ich hatte gefunden was ich suchte und war wirklich glücklich. Denn noch wichtiger als jeder Schuh dieser Welt, ist der Gedanke an meine Tochter und ihr strahlendes Gesicht, wenn sie den tollen Pullover auspacken würde.

Gut, er würde dann mal eben kurz ein iPhone kaufen – die sind nämlich in London etwa um die Hälfte billiger als in good old Germany. Ah, meine Schublade war wieder sortiert! Ein Technikopfer. Und was für eins! Seine Augen verklärten sich als wir vor dem großen Geschäft standen, mit dem Schild auf dem ein Äpfelchen prangte. An alle Ladies: es war kein Obstladen.

Er schwebte hinein, alles andere um ihn herum schien zu verschwinden. In diesem Laden gab es nichts, aber auch gar nichts, was mich bewogen hätte einen Aufenthalt in Erwägung zu ziehen, der länger als 1 Minute dauern könnte. Also teilte ich ihm mit, ich würde mal eben um den Block laufen und ihn nachher abholen. Ein bisschen fühlte ich mich wie eine Mutter, die ihr Kind im Spieleparadies abgibt um in Ruhe shoppen zu gehen. Ich stellte mir vor, wie ihn später abholte und eine durchdringende Lautsprecherdurchsage dröhnte „Der kleine Mike möchte aus dem Spieleparadies abgeholt werrden“.

Leider gab es kein Schuhgeschäft um den Block und ich traute mich keinen Meter weiter. Als ich zurück kam stand er schon draußen und sah sehr traurig aus. Es rührte mir fast das Herz…..aber eben nur fast. Er hatte es nicht bekommen.

Kämpfer geben nicht auf………ab zum nächsten……..und zum nächsten……..und zum nächsten…….was soll ich Ihnen sagen? Es gibt keinen Handyladen in dieser Ecke Londons, den ich nicht kenne. Zwischendurch jammerte ich mal nach Schuhen. Wir kamen auch tatsächlich an einem Schuhgeschäft vorbei. „Kannst ruhig kurz reingehen!“ Kurz??? In ein Schuhgeschäft? Mit einem vom Technikhormon gesteuerten Mann im Genick? Das konnte nichts werden……und 10 Meter weiter war ja auch schon der nächste Handyladen. Zwischendurch besorgte ich ihm etwas zu Trinken (das hätte er sonst vergessen) und er wollte ne Cola light!!! Cola light??? Hallo??? Du Mann!!! Du Klischee!!! Du kannst nicht Cola light trinken. Ich bemühte mich angestrengt um Ordnung in meiner Schublade. Er brachte sie aber weiter durcheinander. Männer sollen ja angeblich nichts gleichzeitig tun können. Mike schon. Während er zielstrebig durch die Straßen pilgerte unterhielt er mich nebenher mit den herrlichsten Geschichten….ich hab Tränen gelacht….und ließ es sich nicht nehmen mir so ungefähr fünf Mal das Leben zu retten. Vielleicht war das aber auch purer Egoismus……wäre ich überfahren worden hätte er sicher keine Zeit mehr gehabt sein iPhone zu suchen.

Nach gefühlten 150 Läden war es soweit………da war es!!! DAS iPhone! Es war da, nicht ausverkauft und ohne Vertrag zu haben. Die Dame legte es auf den Tisch, Mike zückte seine Kreditkarte………und………sie wurde nicht akzeptiert. Er zückte die nächste……keine Chance.

Ich überlegte, welche Medikamente aus unserem Notarztkoffer ihm darüber hinweghelfen konnten.

Seine Stirn zog sich in bedenkliche Falten und als wir den Laden verließen fing er an zu schimpfen. Und wie……er ließ alles raus. Zwischendurch erklärte er mir ganz ruhig, dies wäre eben kurz notwendig, um einem Magengeschwür vorzubeugen und schimpfte weiter. Und rettete nebenbei ein weiteres Mal mein Leben – dieser Linksverkehr in London gehört echt abgeschafft. Aber er fluchte nicht und benutzte keine argen Schimpfwörter – vielen Dank an dieser Stelle, so etwas höre ich nicht gern.

Die verbleibende Zeit nutzten wir zum Sightseeing – Run. Wir bleiben jeweils 30 Sekunden stehen, damit ich ein Foto machen konnte. Aber so die wichtigsten Dinge hab ich gesehen.

Nur die Themsen – Liesel mussten wir auslassen. Und Harrods………

Auf dem Rückweg kamen wir dann noch an einem Handyshop vorbei, den wir offensichtlich vorher übersehen hatten………und da war es und er bekam es und bezahlte es und hielt es in seinen Händen. Er lächelte und sagte kein Wort.

„Du freust dich aber leise dafür, dass du dich so laut ärgerst!“ merkte ich an. Mit inbrünstiger Überzeugung strahlend wie ein Knirps unterm Weihnachtsbaum meinte er: „So muss man sich fühlen, wenn man das erste Mal sein Kind auf dem Arm hat!“

Ich gebe ihnen jetzt ein paar Sekunden Zeit, diesen Satz zu verarbeiten.

Unweigerlich ergriff mich eine tiefe Rührung – ich hatte soeben Geburtshilfe geleistet. Das Baby war 115,2 mm lang und wog 137 g. Mike war – wie jeder frisch gebackene Vater – ein wenig verpeilt und lief in die falsche Richtung. Aber zum Glück hatte er mich dabei. Der Checker vom Neckar brachte den Macker von Mannem dann sicher zum Zug – unterwegs rettete ich ihm so etwa dreimal das Leben.

PS: Die Patientin ist übrigens gut in Deutschland angekommen……..sie war der eigentliche Hauptgrund unserer Reise.

Und ich habe ein Versprechen bekommen: „Beim nächsten Mal gehen wir Schuhe shoppen, ganz bestimmt!“

Ich hoffe, dass es bis dahin keine weltbewegende technische Neuheit gibt. Denn eins habe ich auf dieser Reise gelernt: Das Technikhormon ist stärker als das Schuhhormon.

Und noch etwas habe ich gelernt…………es ist an der Zeit meine Schubladen auszumisten…….

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