Gerade läuft hier Joachims Reportage über einen Tübinger Stadtspaziergang letzten Samstag. Er führte zu verschiedenen Orten, wo im „Dritten Reich“ Juden gewohnt haben und jetzt nur noch die kleinen bronzenen Stolpersteine an sie erinnern. Sie wurden in Konzentrationslager deportiert und haben die Nazi-Herrschaft größtenteils nicht überlebt. Abschluss des Spaziergangs war in den Ausstellungsräumen zum Holocaust und den Märschen des Lebens im Treffpunkt „Jesus live“ am Marktplatz.
Joachim fragte die Teilnehmer, warum sie an dem Spaziergang teilnehmen. Einer sagte (ich fasse sinngmäß zusammen): Erstmal natürlich aus Interesse für unsere erschütternde Geschichte Zum zweiten regen sich ja aber auch heute schon wieder Vorbehalte und sogar Hass gegenüber Israel, und da müsse man aufpassen, welche Haltung man einnehme…
Während ich das schreibe, finden in Berlin die deutsch-israelischen Regierungskonsultationen statt. Im Vorfeld gab es Enttäuschung aufseiten Israels, dass sich Deutschland bei der UN-Abstimmung über die Zuerkennung eines höheren Status für die Palästinenser nicht dagegen ausgesprochen, sondern nur enthalten hat. Eine klare Haltung ist das nicht. Würde man allerdings die deutsche Bevölkerung abstimmen lassen, die ja lt. neuen Untersuchungen zu hohen Anteilen ein „geschlossenes rechtes Weltbild“ und antisemitische Vorurteile kultiviert, so sähe die Haltung Deutschlands womöglich klarer aus – gegen Israel. Hier bei uns im Radio hat ein antiisraelischer Wutbürger angerufen und gesagt, Israel heute, das sei ja genauso faschistisch wie Hitler… Die Leserbriefseiten in Zeitungen und im Internet transportieren häufig eine ähnliche Stimmung.
Die Bevölkerung abstimmen lassen, das hört sich ja gut an, oder? Demokratisch. Aber ist das dieselbe „Bevölkerung“ (als historische Größe), die im Nationalsozialismus als schweigende Mehrheit den Völkermord an den Juden quasi sanktioniert hat? Dann müsste man auch sagen: der Holocaust war demokratisch legitimiert, denn die Mehrheit hat nichts dagegen getan.
Ein Glück und ein Segen, dass in unserem Staat nicht allein der Wille der Mehrheit zählt, sondern auch bestimmte Verpflichtungen, z.B. die Verantwortung vor Gott, von der das Grundgesetz spricht, oder jene Staatsräson, die Angela Merkel in ihrem oft zitierten Satz in der Knesset erwähnte: die Sicherheit Israels ist Teil der deutschen Staatsräson.
Zurück zum Stadtspziergang letzten Samstag: Bei Joachims Gespräch mit dem Teilnehmer stand man gerade an einer Fußgängerampel, sie sprang auf grün, und Joachim sagte: „wir können das Gespräch ja auch im Gehen fortsetzen!…“ – Es ist jetzt Zeit, dass wir uns als Christen und als geschichtsbewusste Bürger in Bewegung setzen, um unsere Beziehung zu Israel zu stabilisieren und mutig für die Werte einzutreten, denen uns unser jüdisch-christliches Erbe verpflichtet.